Wenn man nach dem Sinn des Lebens fragt, dann geht man häufig induktiv
vor. Eine deduktive Herangehensweise wäre aber naheliegender.
Induktive Sicht
Bei der induktiven Herangehensweise versucht man, spezielle Dinge, die man beobachtet hat, zu verstehen und ihnen einen Sinn zuzuweisen. Von diesem scheinbaren Sinn der einzelnen Dinge will man dann auf den Sinn von Allem schließen.
Nun finde ich, dass man bei solch einer Sinnzuweisung oftmals eher eine Zweckzuweisung betreibt, indem man nämlich beschreibt, wie sich das Objekt zu seiner Umwelt verhält und wie es sich in das Wirkungsgefüge des gesamten Systems einfügt. Beispielsweise ist Obst sowohl Nahrungsmittel für Tiere als auch Träger von Samen der Pflanze, Obst dient damit sowohl dem Tier als auch der Pflanze. Man kann diese beiden Dinge im Kontext des Ökosystems daher getrost als den hauptsächlichen Zweck des Obstes ansehen. Die Sinnfrage jedoch wird dadurch zunächst nicht gelöst, sondern nur verlagert, denn man gibt dem Obst Sinn durch die Pflanze, die dadurch Nachkommen haben kann, oder durch das Tier, das Nahrung zu sich nehmen kann. Wenn nun beispielsweise der Sinn des Tieres gelöst wird, dann löst sich durch die Zweckbeziehung in gewisser Weise auch der Sinn des Obstes und der Pflanze.
Der Mensch ist durchaus imstande, Zweckbeziehungen oder Kausalitätsbeziehungen zu verstehen oder sich zumindest deren Verständnis anzunähern. Es gibt keine bekannten, beobachtbaren und reproduzierbaren Phänomene, von denen man glaubt oder weiß, dass sie außerhalb der Kausalität liegen; man neigt daher leicht dazu, das Konzept der Kausalität auf Alles zu verallgemeinern. Ein Anhänger dieser Glaubensrichtung wird starke Probleme haben, einen Sinn zu finden: Sicher, für alles wird man irgendwann einen Zweck im Kontext des Ökosystems „Universum“ finden, der Zweck des Universums als Ganzes bleibt aber unbeantwortbar, sofern man annimmt, dass Kausalketten nicht zyklisch sein können. Diese Annahme ist wohl gerechtfertigt, da Kausalität als ein auf Ursache und Wirkung basierendes Konzept angesehen wird, wobei die Wirkung zeitlich immer nach der Ursache eintritt, wodurch also keine Kausalzykeln entstehen können.
Um das durch den unbeantwortbaren Zweck des Ganzen entstehende Loch im Kausalitätsglauben zu füllen, wird man möglicherweise sagen, dass die Kausalität eigentlich nicht „normal“ ist und dass sie wahrscheinlich nur „innerhalb“ unseres Universums gilt. „Außerhalb“ gibt es keine Kausalität. Das „Außerhalb“ wird dann als „göttlich“, „unvorstellbar“, „größer als alles“ oder „nicht beschreibbar“ beschrieben. Solche Beschreibungen sind voll zutreffende Bilder für das, was wir uns darunter vorstellen – und genau deshalb unbefriedigend.
Da stellt sich nun die Frage, wie wir zu diesem Punkt gelangt sind, dass wir uns Begriffe definieren müssen, deren Bedeutung wir nicht definieren können, ja deren Bedeutung nicht stofflich definierbar ist. Experimentell haben wir festgestellt, dass Kausalität für alles Bekannte zu gelten scheint, und dann haben wir die Kausalität auf alles Unbekannte übertragen – diesen Schluss könnte man als „induktiv“ bezeichnen. Da vollständige Kausalität aber in sich widersprüchlich ist, mussten wir „Gott“ definieren als etwas außerhalb der Kausalität stehendes. Die Undefinierbarkeit entsteht also offenbar durch den Induktionsschluss, dessen Gültigkeit wir deshalb infrage stellen müssen.
Deduktive Sicht
Bei der deduktiven Methode versucht man, von allgemeingültigen Prinzipien auf die speziellen zu schließen. Wollen wir sie auf die Sinnfrage anwenden, müssen wir zunächst allgemeingültige Prinzipien finden. Dies dürfte sich als schwierig erweisen, da ein skeptischer Sucher alles hinterfragen und infrage stellen wird.
Möglich ist es beispielsweise, dass die gesamte Physik, die ja nur ein menschengemachtes Modell der Wirklichkeit ist, völlig ungültig ist. Möglicherweise sind alle bisher gemachten physikalischen Experimente aus irgendeinem Jux des Universums heraus -zufällig oder nicht- so ausgegangen, dass sie zu den Vorhersagen der heute gängigen Modelle gerade passen. Vielleicht ist die Physisk „normalerweise“ völlig anders als die, die wir zu erleben glauben.
Wenn man also nach allgemeingültigen Prinzipien sucht, bietet sich die Physik nicht gerade an, zumal die Physik außerdem ja auch auf dem Kausalitätsprinzip beruht. (Nimmt man die Kausalität als allgemeingültig an, so erhält man in ab dort deduktiver Weise die Schlussfolgerungen, die ich oben „induktiv“ genannt habe. Induktion ist in diesem Sinne ein Spezialfall von Deduktion.)
Wenn man nach einem allgemeingültigen Prinzip sucht, dann kann das nichts sein, das man sich vorstellen muss. Denn jede Vorstellung entsteht allem Anschein
nach im Gehirn und besteht aus komplexer Neuronenaktivität, ist damit also der Physik unterworfen, die wir ja bereits angezweifelt haben. Es kann also auch nichts sein, an das man sich erinnern muss, und es kann auch nichts sein, das wir wahrnehmen, denn alles könnte eine Täuschung sein. Möglicherweise könnte es eine Betrachtung mit Hilfe der Logik sein, aber leider können wir die Gültigkeit der Logik mit unseren physikalischen Gehirnen nicht überprüfen. Es muss also etwas überprüfbares sein.
Wenn ich ein allgemeingültiges Weltprinzip suche, dann muss ich mir einer Sache bewusst werden:
Ich bin dieses Prinzip.
Niemand, der ernstlich darüber nachgedacht hat, auch kein Skeptiker, wird seine eigene Existenz infrage stellen können. Sicher, ich kann die Form meiner Existenz infrage stellen -mit Haut und Kopf und alldem- aber die Existenz an sich, allein dass ich darüber nachzudenken glaube zeigt, dass ich existiere. Auch wenn die Welt anders ist als ich es mir vorstelle, unabhängig davon gilt: Ich existiere. Natürlich kann es sein, dass die Logik, die mich das glauben lässt, falsch ist, weil verschiedene Neuronen falsch gedrahtet sind. Natürlich kann es sein, dass die Semantik des Wortes „Existenz“ in der Welt eigentlich keine wirkliche Bedeutung hat. Trotzdem lässt mich die Mächtigkeit dieser Tautologie sagen: Ich weiß, dass ich existiere. Ich bin sogar noch etwas kühner und sage: Ich weiß, dass ich lebe. Leben heißt für mich wahrnehmen. Da es, obwohl das einfacher wäre, nicht nichts gibt, sondern da ‘ich’ sogar hier bin und ‘etwas’ wahrnehme, muss ‘ich’ auch existieren. Zwar ist von außen nicht festzustellen, ob jemand wahrnimmt. Ich aber weiß, dass ich wahrnehme. Ein Leben, das ist wie ein Auge des Universums, das sich selbst betrachtet. Eine Katze existiert womöglich auch, lebt und nimmt wahr, aber sie weiß das womöglich nicht. Für mich ist Bewusstsein, zu wissen, dass man lebt. Ich weiß, dass ich Bewusstsein habe.
Diskussion
Tatsächlich geraten wir bei der Aufstellung des allgemeingültigen Prinzips in ähnliche Probleme wie bei der Definition von Gott, weil wir letztlich nicht definieren können, was Begriffe wie „Existenz“ eigentlich bedeuten, denn solch eine Definition können wir nur innerhalb der Welt, deren Physik wir ja skeptisch gegenüberstehen, aufstellen. Der Unterschied ist, dass beim deduktiven Ansatz diese Probleme -logisch gesehen- am Anfang des Weltbildes stehen und nicht am Ende, wie beim induktiven Ansatz.
Ich persönlich finde die Annahme, dass ich existiere, sehr viel naheliegender und stichhaltiger, als die aus der Induktion folgendende langwierige Schlussfolgerung, dass es etwas göttliches geben muss, das ich aber weder näher kennen noch beschreiben kann.
Die Sinnfrage stellen wir wohl vor allem zu dem Zweck, eine Handlungsanweisung ableiten zu können. Wenn wir uns nun für die Vorstellung einer Welt mit Gott entschieden haben, dann erhalten wir keine direkte Handlungsanweisung, da die Kommunikation mit jenem schwierig scheint. Viele Menschen behaupten womöglich, Kontakt gehabt zu haben, deren Aussagen und Überlieferungen sind aber nicht eindeutig und vor allem weder überprüfbar noch reproduzierbar, wie es mit nicht-kausalen Phänomenen eben so ist. Folglich kann man sich über den Gotteswillen nie sicher sein.
Sollte man jedoch die Erkenntnis haben, dass man wie ein mit Bewusstsein erfülltes Auge des Universums ist, so kann man also von Anfang an auf dieser gesicherten Erkenntnis bauen und sich überlegen, was man tun sollte, sich überlegen, was der Antrieb sein könnte. Man kann man eine Ethik aufstellen, in der man sich selbst bewusst ist. Ganz ohne Induktionsargument kommt man aber nicht aus, denn man kann nur die eigene Existenz, das eigene Bewusstsein überprüfen. Man muss aber aus Vorsichtsgründen annehmen, dass andere, die so ähnlich scheinen wie man selbst, ebenfalls Bewusstsein haben, da man sonst von jenen womöglich ebenfalls das Bewusstsein abgesprochen bekommen würde (da sie sich ja für mich unüberprüfbar so verhalten, als hätten sie Bewusstsein). Nimmt man also an, dass andere ebenfalls Bewusstsein haben, so steht der Ethik der Weg offen, Handlungsanweisungen für den Umgang mit Anderen zu definieren.
Meine eigene Folgerung ist jedoch klar: Das Universum hat durch mich ein bewusstes Auge, das sich selbst anschaut. Ich will daran mitwirken, das Wissen zu generieren, das dem Universum hilft, sich selbst zu verstehen.
Die deduktive Weltsicht beantwortet Fragen nur relativ zu gewissen Annahmen, etwa dass mein Gehirn diesen logischen Schluss jetzt richtig gemacht hat. Es ist eine skeptische Weltsicht, die außer der Existenz keine absoluten Wahrheiten beinhalten kann, da nichts sonst eigentlich überprüfbar ist. Wohlgemerkt füllt also die deduktive Weltsicht nicht das Loch, das entsteht, wenn man Kausalität für allgemeingültig annimmt. Die Frage bleibt schlichtweg unbeantwortet, da zu wenige Daten vorhanden sind, um Theorien über ihre Antwort zu überprüfen. Diese Vorgehensweise aber erscheint mir vor allem ehrlicher.
Spekulationen. Der scharfe Skeptizismus, der selbst die physikalischen Vorgänge in unserem Gehirn anzweifelt, führt innerhalb der Welt nie zu etwas gesichertem, da man ja immer die Überprüfbarkeit der logischen Aussage anzweifeln kann, denn solch eine Überprüfung kann von uns nur innerhalb der Welt versucht werden. Trotzdem scheint es, dass meine Existenz eine Tautologie ist, die keiner Überprüfungen bedarf – oder deren Überprüfung automatisch gegeben ist. Vielleicht ist der Grund, dass ich so fühle, aber auch, dass meine Existenz ‘von außerhalb’ festgelegt ist, also dass ich außerhalb des Universums existiere und dies damit innerhalb des Universums auf irgendeine Weise als gegeben wissen kann.
Existenz im Tode. Wenn wir nun den scharfen Skeptizismus ein wenig verlassen, dann können wir nun eine dagegen gar kindlich wirkende Vorstellung der Existenz ‘nach’ dem Tode folgen lassen: Meine Existenz ist vermutlich keine Konstante, da ich irgendwann sterben werde. Und ich weiß nicht, ob ich dann immer noch wissen kann, dass ich existiere oder existiert habe. Dennoch ist meine Existenz, wenn man die zeitliche Dimension hinzunimmt, gesichert, denn ich werde immer existiert haben. Meine Existenz ist statisch, unabhängig von der Zeit, denn es gibt einen Weg in der Raumzeit, in dem ich existiere. Das Jetzt ist ein Punkt auf diesem Weg, der sich immer weiter dem Ende nähert.